Die Welt verschluckt dich nicht…

In den 70er und 80er Jahren bedeutete Reisen meist eine elendiglich lange Autofahrt, bevorzugt nach Lignano oder Bibione, verbunden mit viel Stau bei Affenhitze. Eine Klimaanlage im Auto oder gar DVDs schauen, das kannte man nicht. Schwitzen und Langeweile waren für Kinder vorprogrammiert, und die sich immer wiederholende Frage „Wann sind wir denn da?“ hatte sich erst mit der Erfindung des Navi erledigt. Aber so war das damals. Kein Halten an einer Raststation oder bei Mc*pieps, nein Muddi hatte eine Woche vor dem Urlaub alle Hände voll zu tun, mit Packen für die ganze Familie und Proviant vorkochen. Zweimal wurde auf dem Weg nach Lignano gehalten, und jedesmal wurden aus der Kühltasche und einem riesigen Korb die leckersten Hähnchenkeulen ever (meine schönste Erinnerung, denn die gab’s nur auf der Fahrt in den Urlaub :)) und allerlei anderer kulinarischer Großartigkeiten hervor gezaubert. Beendet wurde das Pausenszenario immer mit ein paar Kniebeugen und wir Kinder wurden dreimal ums Auto gejagt. Ja, so war das damals. Einen Sommer fuhren wir sogar nach Holland, eine 1000km Autofahrt, die ich nie vergessen werde: die ewigen Weiten der deutschen Autobahn schienen kein Ende zu nehmen.

Die erste Flugreise hatte mir dann meine bestandene Matura (also das Abi) beschert. Damals war man noch mit Kreta und „Hotel mit Frühstück“ absolut zufrieden. Ich glaube sogar, dass es mein „erstes Mal“ in einem Hotel als Gast war. „Summer Splash“ brauchte damals keiner, wir waren uns genug, und uns hat dieses blaue Meer und die griechische Küche auf jeden Fall ausreichend „gesplasht“. Manchmal finde ich es schade, dass heute alles so „greifbar“ und „erreichbar“ ist. Es geht einfach so viel Zauber verloren. Eine Reise mit einem Kreuzfahrtschiff war ein Traum, den man gar nicht träumte, so wie das Wohnen in einem Schloß zur eigenen Mädchenphantasie gehörte, die man im Grunde nicht mal herbeisehnte. Die unerreichbaren Träume sind doch immer noch die Schönsten, da sie uns keine Enttäuschungen bereiten.

MrRight kam aus einer Familie, in der nicht mal die lange Autofahrt nach Lignano zum jährlichen Familienritual gehörte, also war es an mir, ihn reisetechnisch „anzulernen“. Der erste Versuch mit einer spontanen1-wöchigen-Last Minute-Flugreise zum Anlass unserer Hochzeit nach Tunesien ging so dermaßen sprichwörtlich „in die Hose“, dass für ihn erstmal für die nächsten 15 Jahre klar war, dass nur Verreisen mit dem Auto und der Option jederzeit abbrechen zu können, die einzige Option war. Mit drei Kindern im Gepäck war aber auch rein finanziell an nichts anderes als an die obligatorische lange Autofahrt gen Süden zu denken. Und das auch nicht jedes Jahr und nicht immer nur nach Lignano.

Wir lernten Eurocamp kennen und lieben, und schafften es tatsächlich auch mal in die Nähe der Cote d’Azur, woran sich unsere Söhne immer noch gut erinnern. Ich sag nur: 1000km Autofahrt in einem VW Passat – enger können drei Kinder nicht sitzen, und des lieben Friedens Willen hat sich auch zwischendurch mal die Mutter, also meine Wenigkeit, auf die Rückband gesetzt. Aber war das toll? Unsere Kinder kannten kein „All inclusive“ oder Hotelbuffet. Sie waren mit der Kinderdisco am Campingplatz so glücklich, dass ihnen einfache Spaghetti als Abendessen genügten, und MrRight und ich uns dann beim kleinen Franzosen gleich außerhalb des Campingplatzes kulinarisch glücklich machten. Waren wir Rabeneltern? Das denk ich nicht, denn sie hätten es nicht geschätzt bzw es als Qual empfunden, brav bei uns sitzen zu müssen. Sie wussten wo wir waren und so wurde es zu einem Urlaub, bei dem alle auf ihre Kosten kamen. Heim ging es von solchen Eurocamp-Urlauben immer richtig erholt und meist hatte mindestens einer der Jungs Liebeskummer. Ach, war das schön.

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TJa, aber warum gibt’s hier nun TravelStories, wenn wir doch nie über den Tellerrand gereist sind?

Es war kurz vor meinem 40.Geburtstag, als sich mit einem unbedachten Satz plötzlich alles änderte. Wir waren bei meiner Freundin zum Essen, deren Mann beruflich immer mal wieder nach New York reisen musste und ich – angefixt durch die damals laufende Serie „Sex and the City“ – begann plötzlich laut davon zu träumen, einmal nach New York reisen zu wollen. Das hatte ich natürlich niemals wirklich vor. Im Grunde war es mehr so wie der Klein-Mädchen-Traum vom Schloss mit dem Prinzen, oder von der Traumschiff-Reise. Ein Traum, der als Traum gut funktioniert, aber doch niemals wahr werden sollte. Meine Freundin jedoch sprang direkt auf meine Taum-Zug auf und meinte, dass wir das doch zum 40. machen könnten.

Und aus einer unüberlegten laut ausgesprochener Träumerei wurde eine Tatsache, und Udo Jürgens kann heute ohne mich singen, denn „ich war tatsächlich in New York“ und spazierte stolz auf den Spuren von Carrie.

Nach dieser Reise war uns klar, dass die weite Welt uns nicht verschluckt, dass mit Internet „heutzutage“ alles viel leichter ist, und das Wichtigste: dass wir bereit waren, die Welt zu sehen.

Und wenn mir 2010 jemand gesagt hätte, dass ich zu meinem 50. dann tatsächlich auch von einem Traumschiff winken würde, hätte die kleine Prinzessin in mir vor Freude geweint.

2 thoughts

  1. Ach Claudi, da merkt man, dass wir quasi eine Generation sind! 😅 Okay, meine Urlaubsfahrten mit den Eltern gingen in die Eifel (🤮) oder nach Sylt (😎 damals aber noch kein Hotspot) und Norderney. Ein einziger Urlaub ging nach Österreich (Vorderstoder, kennste?). Aber die Reise an sich – ja, genau so war das. Und unsere Urlaubsfahrten mit den Kindern gingen mit Wohnwagen hinten dran nach Spanien (manchmal zweimal im Jahr!), von uns aus gut 1200 km. Kassetten hörend und laut mitsingend. Und die Erinnerungen an diese gemeinsamen Campingurlaube halten wir alle vier total hoch. Schön war das. Ich könnte hier jetzt auch einen Blogbeitrag zum Thema schreiben, aber das ist ja blöderweise DEIN Blog… 🙄😂

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