Was passiert eigentlich, wenn Bedeutung keine Bedeutung mehr hat?
An dem Tag, an dem ich meinen Buchvertrag unterschrieben habe, hab ich vermehrt begonnen über „Bedeutung“ nachzudenken. Irgendwann einmal ein Buch herauszubringen, war ein unerreichbarer Traum für mich gewesen. Es hat für mich eine riesengroße Bedeutung. Und ich möchte, dass es so bleibt…
Was aber ist, wenn Bedeutung an Bedeutung verliert? Wenn die Bedeutung, die ich etwas beimesse, keine Bedeutung für andere hat? Oder noch schlimmer, etwas in der Bedeutungslosigkeit versinkt? Wie wichtig ist Bedeutung? Und was passiert, wenn nichts mehr eine Bedeutung hat? Wir sehen, Bedeutung ist wichtig, denn gerade die letzten Sätze zeigen doch, dass „dann irgendwie alles keinen Sinn mehr hat“.
Aber was genau ist eigentlich Bedeutung, und haben wir den Sinn dafür verloren?
Der Duden sagt: Bedeutung ist der Sinn, der in Handlungen, Gegebenheiten, Dingen, Erscheinungen liegt. Aber „es bedeutet“ auch: begrifflicher Inhalt eines Zeichens; Beziehung zwischen Wortkörper und begrifflichem Inhalt, Gewicht, Tragweite, Belang, Geltung, Ansehen und Wert. Wir sehen also, selbst „Bedeutung“ hat unterschiedliche Bedeutungen.

Tiere handeln aus angeborenem Instinkt, aus ihrer Natur heraus, aus Überlebens- oder Jagdtrieb. Der Mensch hingegen hat gelernt, Dingen einen Wert zu geben, dass etwas, das Bedeutung hat, eher gesehen, gelobt, besser bezahlt und höher geschätzt wird.
Für mich stehen aktuell zwei Fragen im Raum: Warum habe ich das Gefühl, dass unsere Gesellschaft sich schwerer tut, Dingen eine Bedeutung zu schenken? Und warum verliert das, was wir regelmäßig tun und leisten, oft nicht mal schlechter oder langsamer, für andere an Bedeutung, und folglich auch für uns?
Warum habe ich das Gefühl, dass unsere Gesellschaft sich schwerer tut, Dingen eine Bedeutung zu schenken?
Ich bin so frei und auch so frech, diese Frage aus meiner Sicht sofort zu beantworten, denn sie beschäftigt mich doch schon deutlich länger. Meine Antwort lautet: Weil wir heute in einer „All you can eat-Gesellschaft“ leben. Solange meine Generation noch existiert, gibt es noch Menschen, die das „davor“ kannten. Aber so ab den 90er, 2000er Jahrgängen wird es schwieriger. Diese Geburtsjahre wurden in die von mir so geannten AYCE-Gesellschaft hineingeboren, in der Zeit, Minuten, Anzahl an Tellern und irgendwie auch Geld „unendlich“ wurden. Kaputte Geräte können nun jederzeit ersetzt werden, Briefe landen auf Knopfdruck beim Empfänger, und infolgedessen war das „sehnsüchtige Warten“ verschwunden. Verlieren wir das Gespür für die „ENDLICHKEIT“ hat nichts eine Bedeutung, weil alles ersetzbar, und „all in“ ist.
Wie komme ich auf so einen Gedanken?
Als ich 12 Jahre alt war, gab es noch kein Handy, geschweige denn unendlich viele freie Telefonminuten. Wir hatten ein Telefon mit Hörer, und einem Schlüssel dazu. Ja, man konnte es tatsächlich absperren. Wenn ich von der Schule heimkam, und mit einer Freundin etwas „vom Schulunterricht“ besprechen wollte, musste ich fragen, ob ich telefonieren darf. „Ja, kurz“ war die Antwort, was ich natürlich nie einhielt. Und wenn die Telefonrechnung dann wieder mal zu hoch war, wurde das Telefon abgesperrt. Ohne Schlüssel konnte dann niemand telefonieren. Die Erlaubnis zu Telefonieren hatte für mich damals also große Bedeutung.

Sparsam zu sein, mit etwas, das man wirklich geliebt und geschätzt hat, hatte große Bedeutung. Meine eigenen Kinder hatten dann so ab den knappen 2000ern die ersten Handys mit vielleicht 100 Freiminuten und 100 SMS. Es war eine Qual für uns Eltern, und auch für die Jungs, aber so hatte man gelernt, dass jede SMS eine Bedeutung hatte. Nämlich die, eine weniger zur Verfügung zu haben.
Und dann kamen die ersten Chinarestaurants mit ihren „All you can eat“-Buffets. Rückwirkend gesehen, begann da für mich die neue Ära. Der Mensch fand Gefallen daran, dass etwas endlos zur Verfügung stand. So viel essen, wie man wollte, als wären wir davor verhungert. Aber es gab uns das Gefühl einer gewissen Freiheit, einer Ungezügeltheit, einer Maßlosigkeit, das Gefühl von etwas unendlich viel haben zu können. Gier und Freiheit gepaart auf der chinesischen Glückseligkeit von asiatischen Gerichten. Glück ohne Keks sozusagen. Dass alles aber gleichzeitig an Bedeutung verlor, die Gerichte warm gehalten, die Qualität in Massenproduktion übergegangen war und der Lokalbesuch einer Mitarbeiterkantine glich, störte vorerst lange niemanden. Ich war nur kurz Freundin von Buffets, und es führte auch schnell zu Diskussionen unter Freunden, wenn ich die einzige war, die sich nicht über das Frühstücksbuffet in einem Hotel freute. Ich weiß meist genau, was ich möchte und auch was ich nicht will. Mich mit anderen um das letzte Croissant oder die letzte Scheibe Räucherlachs zu streiten, einem Frühstücksei beim Brüten zuzusehen, und Rührei zu essen, das nach Astronautennahrung aussieht, ist nicht das, was ich will, wenn ich mir ein Frühstück „auswärts“ gönne.

Aber das Übel breitete sich aus. Das Telefonieren wurde mit den fortgeschritteneren Handys, und der Zeit, „unbegrenzt“, Leben ohne Limit, Kaufen auf Pump. Online-Shops liefern uns auf Raten, was gestern kaputt ging, morgen ins Haus. Und so veränderte sich unsere Sicht auf die Dinge und das Leben. Auf einmal hat nur mehr das Bedeutung, was unerreichbar scheint, und folglich nimmt die Verschuldung zu. Kam früher die Telefonrechnung alle zwei Monate, und war diese dann mal über 1.000 öS, mussten alle an den Tisch, Vater hat auf den Tisch gehauen, Mutter geschwiegen und ich geheult. Heute hat eine klassische Familie mit zwei Kindern vier Handys (im Wert von gefühlten 1.000€ dank Apfel & Co) und monatlich berappen sie wahrscheinlich um die 100€ monatlich PLUS Internet für den Haushalt. Aber alles unlimitiert und „frei“.
Wenn Dinge limitiert sind, Zeiten eingegrenzt werden, wir auf Pakete länger warten müssen, werden wir unrund, stören uns daran, und fühlen uns eingeschränkt. In unserer bedeutungslosen Freiheit der Unendlichkeit.
Wann wird etwas bedeutsam?

Es ist das Unerreichbare, das für den Menschen immer schon große Bedeutung hatte. Nehmen wir den Mount Everest. 1953 hat man es erstmals geschafft, ihn zu besteigen. Seither waren knapp 7.300 Menschen auf dem Gipfel, manche sogar mehrmals. Die Gier hinaufzukommen und dazuzugehören nahm zu. Heute beschäftigt man sich dort mit Müllvermeidung und Fäkalien-Entsorgung, weil der Fortschritt, aber auch die Idee, damit Geld verdienen zu können, zu viele Menschen nach oben „befördert“ und „befördert hat“. Damit geht aber auch einher, das dieses Ereignis an Bedeutung verliert. Ist die Leistung derer, die 1953 mit der damals verfügbaren Ausrüstung erfolgreich und erstmals aufgestiegen waren, überhaupt heute noch vergleichbar oder gar gleichbedeutend? Ist es das, was man eigentlich erleben möchte? Etwas noch nie Geschafftes, etwas Unerreichbares, zu meistern? Steigen die Menschen heute hoch, weil sie „dazu gehören“ wollen? Zu denen, die Unmögliches geschafft haben? Ich kann mir gut vorstellen, dass man danach in ein Tiefes Loch fällt – natürlich nur mental, denn tief im Inneren möchte man wahrscheinlich gerne mit denen reden und anstoßen, die das damals geschafft haben, dasselbe fühlen und „aufgenommen werden“ in den Kreis der Bewundernswerten, die Bedeutungsvolles erreicht haben.
Es liegt an uns, Dingen eine Bedeutung zu geben, kleinen „Hügeln“ unseres Lebens eine große Bedeutung zu geben. Große „Berge“ unbestiegen zu lassen, in dem Wissen, dass andere das besser können. Gönnen können.

In unserer Umgebung gibt es einen Berg, den Traunstein. Er ragt fast senkrecht vom Traunsee 1.250 Höhenmeter hoch. Jährlich verzeichnet man mehrere Abstürze und auch immer wieder Tote. Zahlreiche Verletze müssen immer wieder geborgen werden, weil er nicht zu unterschätzen ist, der Wächter des Traunsees. An Spitzentagen im Sommer steigen 2-3.000 Menschen hoch. Aber ich war noch nie oben. Ich war in der Umgebung schon auf vielen Bergen, auf höheren Bergen, aber vor dem Traunstein hatte ich immer Respekt. Kurze Zeit mal war seine Besteigung ein Ziel von mir, aber mittlerweile nicht mehr. Im Gegenteil. Ich sehe ihn fast von zu Hause, den Gipfel, den ich nie erreichen werde. Und ich finde es gut, dass es Dinge gibt, die unerreichbar sind. Ich begnüge mich mit dem Anblick von unten. Es macht einen demütig. Ich könnte trainieren, mich fokussieren und dann vielleicht auch mit 60 noch aufsteigen. Aber es hat tatsächlich keine Bedeutung mehr für mich.
Warum verliert das, was wir regelmäßig tun und leisten, oft nicht mal schlechter oder langsamer, für andere an Bedeutung, und folglich auch für uns?
Liegt es daran, dass uns etwas Neues den gewissen Kick gibt, wir damit nicht gerechnet haben, in diesem Moment sehr dankbar sind und wir es als kostbar empfinden, damit wir ES dann bedeutungsvoll finden? Das erste Lächeln vom ersten Kind, der erste Schritt vom ersten Kind – sind diese Dinge bedeutungsvoller, weil sie erstmalig sind?

Oder ist es etwas bedeutungsvoll für uns, wenn wir es uns ganz lange gewünscht haben, uns erträumt und nie damit gerechnet haben?
Der Mann, der so liebevoll ist, wie wir immer gehofft haben, dass jemals einer so sein würde. Die Mitarbeiterin, die sofort erkennt, wenn etwas erledigt werden muss. Schwanger zu werden, obwohl wir gedachte hätten, es niemals werden zu können, hat mehr Bedeutung für diejenige, als für die, die zum vierten Mal schwanger ist.
Nun schließt sich der Kreis. Einmaligkeit, Einschränkung und Grenzen geben Bedeutung. Manche dieser Worte empfinden wir als negativ, aber machen sie doch vieles bedeutungsvoller. Wenn wir etwas nicht haben können, etwas ganz schwer erreichen können, dann hat dieses Ziel für uns eine große Bedeutung. Und dann…. nachdem wir zum fünften Mal auf den Berg gestiegen sind, die Mitarbeiterin zwar alle Arbeitsschritte schnell erledigt, aber einfach so viel redet, der Mann zwar liebevoll ist, aber immer unpünktlich, dann stumpfen wir ab, und ES verliert an Bedeutung…

Lasst uns unserem Leben, unseren kleinen Schritten wieder ein bißchen mehr Bedeutung schenken. Genießt es einfach mal auf ein Paket zu warten, nehmt euch nicht vom Buffet, sondern bestellt euch eine schöne Platte für Zwei (wir nennen das Buffet am Tisch) Fahrt ein Jahr mal bewusst nicht in Urlaub, um dem Nächsten mehr Bedeutung zu schenken. Bedeutungsloses wird irgendwann vergessen. Und wer möchte schon vergessen werden, oder ein bedeutungsloses Leben gelebt haben?
Es liegt an uns. Danke für’s Lesen und teil gerne deine Gedanken zu diesem Thema mit mir.


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